»Als ich von der Militärpolizei verhört wurde, ging mir ganz schön die Düse«

14. März 2024 – Text: Magdalena Scheck
Pamela Beckmann und Sinje Gottwald teilen eine Leidenschaft: Mit dem Motorrad entdecken sie die ungewöhnlichsten Orte der Welt. Im Interview erzählen sie von ihren Reisen. Ein Gespräch über extreme Gastfreundschaft, unkonventionelle Reparaturtechniken und Schlager-Singen in der Wüste.

Ihre letzte große Reise war eine Tour durch Westafrika. Ausgerechnet nicht mit dem Motorrad, sondern mit dem Auto. Wie kam es dazu?

Sinje Gottwald: Der Anlass war tatsächlich ein sehr trauriger. Ich bin 2017 mit dem Motorrad losgefahren, um einmal die Welt zu umrunden. 2020 wollte ich als letzten Kontinent Afrika durchqueren. Als die Coronapandemie ausbrach, konnte ich die Reise nicht fortsetzen. Die Flughäfen und Grenzen wurden dichtgemacht. Ich schaffte es gerade noch, einen Flug von Dakar im Senegal zurück nach Deutschland zu bekommen. Leider musste ich dort mein Motorrad zurücklassen, weil ich so kurzfristig keine Transportmöglichkeit finden konnte. Außerdem hätte der Preis für eine Schiffsüberführung den Wert des Motorrads weit überstiegen. Vor Kurzem hat sich dann erst die Chance ergeben, gemeinsam mit Pamela nach Dakar zu reisen, um nach mehr als drei Jahren mein geliebtes Motorrad zurückzuholen. 

Pamela Beckmann: Wir sind in Deutschland gestartet und von Spanien nach Afrika übergesetzt. In fünf Tagen sind wir von Marokko nach Senegal durchgerauscht. Auf direktem Wege, eine lange, gerade Straße an der Küste entlang. Von der heißen, einsamen Wüste bis in die grüne Natur, wo wilde Affen herumspringen und der tosende Verkehr in Dakar einen komplett überwältigt.

Was ist die wichtigste Eigenschaft, wenn man durch Kontinente wie Afrika reist?

Sinje Gottwald: Geduld. Die braucht man schon allein an den Grenzübertritten. Wir mussten dort ständig mit Beamten diskutieren. Immigration, Zoll und Versicherung – wir saßen stundenlang herum und wussten gar nicht, wann es weitergeht. Ob es überhaupt weitergeht. Und gute Laune, weil viele Grenzbeamte eher hilfsbereit sind, wenn man auch mal lacht und ein paar Witze macht. Das ist aber nicht immer so. Viele Leute bieten den Grenzbeamten auch Geld an. Man braucht dafür eine gute Menschenkenntnis und muss Situationen lesen können. Jede Grenze funktioniert anders. 

Gastfreundschaft, die durch den Magen geht: In Marrakesch teilte Ladenbesitzerin Farah ihre selbst zubereitete Tajine mit den Touristinnen

Woran denken Sie am liebsten zurück?

Sinje Gottwald: Mein persönliches Highlight war die Fahrt durch Mauretaniens Hauptstadt Nouakchott. Der Verkehr ist chaotisch, ein bisschen aggressiv. Man muss cool bleiben, weil man ständig das Gefühl hat, gleich fährt einem von rechts, links, hinten oder vorne jemand rein. Die meisten Menschen hätten die Fahrt als puren Stress wahrgenommen, aber wir konnten zum Glück darüber lachen. Deswegen reise ich eigentlich lieber allein oder nur mit Menschen, die so ticken wie ich. Pamela ist so eine Person, die in solchen Situationen die Nerven und ihren Humor behält. 

Pamela Beckmann: Wir haben Tränen gelacht. Ich glaube, das ist eine wichtige Basis. Die Reise war ein echter Freundschaftsbeweis. Ich glaube, es hat unter anderem so gut funktioniert, weil wir auch in den unangenehmen Situationen Freude hatten. Während wir bei 40 Grad durch die Wüste gefahren sind, hat Sinje aus vollem Halse auf dem Beifahrersitz Schlager gesungen. 

Sinje Gottwald: Aber auch die Gastfreundschaft der Einheimischen ist eindrucksvoll. Einmal haben wir in einem marokkanischen Laden länger als eine Stunde nach Souvenirs gestöbert. Bis zur Mittagspause. Die Besitzerin des Ladens hat uns aber nicht nach draußen gebeten, sondern uns zum Tajine-Essen eingeladen. Diese Geste hat uns sehr berührt. Es war einfach schön zu sehen, wie schnell man dort Verbindungen aufbauen kann.

Was unterscheidet Motorradreisende von Tourist:innen?

Sinje Gottwald: Wenn man nicht alle Motorradfahrer:innen betrachtet, sondern wirklich nur Abenteuerreisende, ist es oft das Unbekannte, das sie reizt. Touristinnen und Touristen legen meist eher Wert auf Sicherheit und Komfort. Ich will nicht wissen, was mich erwartet. Ich will in Situationen geraten, die mich fordern und in denen ich eine Lösung finden muss. 

Pamela Beckmann:  Im Gegensatz zum Auto ist man komplett der Witterung ausgeliefert und bei Unfällen quasi schutzlos. Ich persönlich gehe bei meinen Reisen und Motorradabenteuern bis an meine Grenzen und darüber hinaus. 

Was darf in Ihrem Gepäck nicht fehlen?

Sinje Gottwald: Zur Grundausstattung gehören Medikamente und ein Satellitengerät. Falls ich mal irgendwo lande, wo ich keinen Handyempfang habe oder in eine Notsituation gerate. Passende Motorradklamotten für das jeweilige Klima, Kameraausstattung. Und dann natürlich Ersatzteile für das Motorrad und Werkzeug. Klamotten, Zahnbürste, eine Kreditkarte und ein bisschen Bargeld in verschiedenen Währungen. Und alle Dokumente mit digitaler Sicherheitskopie, von internationalen Führerscheinen bis zu Zolldokumenten fürs Motorrad.

Pamela Beckmann: Mir ist wichtig, dass ich hochwertige Funktionskleidung dabei habe. Meine Isomatte und mein Daunenschlafsack sind ein Muss, damit ich einigermaßen komfortabel übernachten kann. Damit habe ich schon auf 4000 Metern bei minus 4 Grad geschlafen und nicht gefroren. 

Wie spontan planen Sie Ihre Übernachtungen auf solchen Reisen? Einfach irgendwo das Zelt aufschlagen?

Pamela Beckmann: Bei mir ist es wirklich so. Manchmal nehme ich Unterkünfte. Oft aber auch keine. Oder wir fahren so lange, bis wir einen schönen Ort zum Übernachten entdecken. Wenn wir Kilometer machen müssen, fahren wir auch bis in die Nacht und schlagen dann schnell unser Zelt auf. 

Sinje Gottwald: Der ungewöhnlichste Ort, an dem ich bisher gecampt habe, war an einem Gaskrater in Turkmenistan. Damals war der Ort noch relativ unbekannt, ich war die ganze Nacht komplett alleine dort. Das ist eine der schönsten Erinnerungen aus allen meinen Reisen. Mitten in der Natur, wo keiner weiß, dass man existiert. 

Wie oft geht Ihnen unterwegs etwas an der Maschine kaputt?

Sinje Gottwald: Während meiner Weltreise gab es regelmäßig Probleme mit dem Motorrad. Es hatte aber schon bei Reisebeginn mehr als 100.000 Kilometer auf der Uhr. Einmal in Brasilien hatte ich plötzlich Wasser im Benzin. Ich habe mit anderen Reisenden gesprochen, um einen guten Mechaniker zu finden. Der konnte zwar das Problem beheben, hat dafür aber ein anderes Problem kreiert. Damit muss man immer rechnen. 

Pamela Beckmann: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass in vielen ärmeren Ländern mehr repariert wird. Bei uns wird alles immer gleich ausgetauscht, und man muss ewig auf Ersatzteile warten. In Georgien war mal meine Lichtmaschine kaputt. Ein Mechaniker hat sie in seiner Werkstatt einfach mit einem Draht repariert. So war meine Maschine nach zwei Tagen wieder einsatzbereit, und ich konnte weiterfahren.

Weite Wildnis: Zwei Drittel Mauretaniens sind Wüste. Auf dem Weg in den Süden, kurz vor der Grenze zu Senegal, wird die Landschaft grüner

Was war bisher Ihr schlimmster Unfall?

Sinje Gottwald: Der war im Iran mit einem anderen Auto. Ich hatte mich dabei verletzt und konnte danach erst mal eine Weile nicht mehr richtig Motorrad fahren. Es kamen sofort die Polizei und der Krankenwagen, aber niemand hat Englisch gesprochen. Die Frau, die im Auto saß, hat stundenlang nur geschrien. Am Ende wurden mein Motorrad und mein Pass konfisziert. Ich wurde auf eine Polizeiwache gebracht, habe ein Bußgeld gezahlt und musste eine Vereinbarung in Farsi unterschreiben. Bis heute weiß ich nicht, was ich da unterzeichnet habe. Aber ich wusste, wenn ich es nicht tue, bekomme ich mein Motorrad nicht zurück.

Pamela Beckmann: Ich bin schon öfter gestürzt, aber nie richtig schlimm. Nur einmal, als ich in Kolumbien am Trampolin de la Muerte unterwegs war. Eine berüchtigte Straße, wo viele Menschen bei Autounfällen sterben. Ich bin damals mit dem Motorrad weggerutscht und habe mir dabei das Außenband vom Knie abgerissen. Das habe ich aber ausgehalten und bin bis zu meiner Rückreise nach Deutschland vier Tage weitergefahren. Hier im Krankenhaus war dann mein Knie ziemlich geschwollen. 

Hatten Sie auch mal richtig Angst? 

Pamela Beckmann: Ja. Im Iran wurde ich von der Militärpolizei angehalten. Am Tag zuvor hatte ich eine SIM-Karte gekauft und über einen VPN-Zugang Nachrichten nach Europa geschickt. Das ist im Iran für Ausländer verboten. Der Polizist hat mich direkt angesprochen, ob ich eine SIM-Karte habe. Ich habe gelogen. Er ist dann erst mal mit meinem Reisepass abgehauen. Als ich dann von der Militärpolizei verhört wurde, ging mir ganz schön die Düse. Aber ich bin ruhig geblieben und habe den Ausweis am Ende wieder bekommen. Zurück im Hotel habe ich die SIM-Karte sofort auseinandergebrochen und weggeschmissen. Im Nachhinein hatte ich den Verdacht, dass die Polizei mich zuvor beschattet hatte. Im Iran werden Touristen häufiger beobachtet, weil sie auffallen.

Wieder vereint: Nach drei Jahren konnte Sinje Gottwald ihr geliebtes Motorrad in Dakar endlich wieder in die Arme schließen

Hat es eigentlich Vorteile, als Frau zu reisen?

Sinje Gottwald: Es hat sowohl Vorteile als auch Nachteile. Viele Menschen begegnen mir als Frau gegenüber hilfsbereiter und offener. Gerade in Ländern, wo man es nicht vermutet. Im Iran beispielsweise haben sich die Leute gefreut, als sie mich auf meiner Maschine gesehen haben. Überall haben sie ihre Daumen hoch gezeigt, aus dem Auto, am Straßenrand. Manchmal haben mich kleine Kinder gefragt, ob ich eine Frau bin. Sie waren ganz verwirrt, mich auf dem Motorrad zu sehen. Aber ich hatte nie negative Erlebnisse. 

Trotzdem muss man als Frau in gewissen Situationen vorsichtiger sein. In manchen Ländern bin ich nachts lieber nicht durch die Stadt gelaufen. Wenn ich draußen in der Natur gezeltet habe, habe ich darauf geachtet, dass keiner wusste, dass ich da bin. Ich bin dennoch definitiv der Meinung, dass auch als Frau auf Reisen alles möglich ist, wenn man gewisse Regeln für sich definiert und diese auch einhält. Mir ist bisher auf meinen Reisen nichts Schlimmes passiert, dazu gehört viel Glück, und das weiß ich auch.

Als Motorradfahrer:in braucht man auch eine gute Versicherung. Worauf achten Sie hier besonders? 

Pamela Beckmann: Für meine Motorradreisen schließe ich immer eine spezielle Auslandskrankenversicherung mit einer integrierten Rückholungsklausel ab. Zusätzlich braucht man eine Motorradversicherung. Die muss man in vielen Ländern vorweisen können, wenn man von der Polizei angehalten wird. Beispielsweise in Marokko oder im Senegal. Für unsere Westafrika-Reise habe ich zur Vollkaskoversicherung meines VW-Busses einen Aufschlag bezahlt und wäre im Schadensfall – mit Selbstbeteiligung – abgesichert gewesen. 

Welche Reiseziele nehmen Sie als Nächstes ins Visier? 

Sinje Gottwald: Ich würde gerne noch einmal nach Südamerika fahren und den Kontinent durchqueren. Außerdem würde uns momentan Armenien interessieren. Aber das ändert sich ständig. 

Pamela Beckmann: Meistens hat eine von uns eine verrückte Idee und steckt die andere damit an. Das macht ja auch eine gute Freundschaft aus, dass die andere dann einfach blind sagt: »Na klar, da mach ich mit.«

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