Gefahren im Skisport: Nur noch weiß vor Augen
Der erste "Kunde" des Tages landet um zehn Uhr auf der Liege. Der kleine Junge ist blass, in der Seilbahn ist ihm schlecht geworden. Jetzt liegt er bei der Bergwacht auf 2.600 Meter Höhe und übergibt sich. »Das passiert manchmal«, sagt Hans-Jörg Krempl und zuckt mit den Schultern. Die Höhe, vor allem aber der schnelle Aufstieg mache vielen zu schaffen. Nur rund zehn Minuten braucht die neue Seilbahn für die knapp 2000 Höhenmeter vom Eibsee auf die 2.943 Meter hohe Bergstation an der Zugspitze. Für manche ist das zu schnell.
Für die Familie aus der Nähe von München ist der Tag auf Deutschlands höchstem Berg vorbei, bevor er richtig begonnen hat. Denn wer hier oben Probleme bekommt, der müsse schnell runter, erklärt Krempl, dann sei meist alles wieder gut. Damit bei der Talfahrt nichts passiert, besorgt er in der Küche des Restaurants nebenan noch einen leeren Senfeimer und gibt ihn dem bleichen Burschen. Für alle Fälle.
in Deutschland verletzen sich pro Saison im Durchschnitt. Rund 40 Unfälle enden tödlich Jede:r zweite Tote war über 50 Jahre alt.
der Unfälle passieren am Nachmittag ab zwölf Uhr. Kraft und Aufmerksamkeit lassen nach. Der Biorhythmus des Menschen befindet sich im frühen Nachmittagstief, was die Unfallgefahr generell erhöht.
der Unfälle auf deutschen Pisten enden mit Knochenbrüchen, rund sieben Prozent mit Kopfverletzungen.
Die Bergwachtstation an der Zugspitze ist jeden Tag in der Wintersaison besetzt. Unter der Woche versehen zwei hauptamtliche Mitglieder der Skiwacht hier ihren Dienst. Das sind ausgebildete Bergwachtmänner und -frauen, die von der Stiftung Sicherheit im Skisport bezahlt werden. Am Wochenende und an Feiertagen übernehmen die ehrenamtlichen Bergretter:innen, unterstützt von einem hauptamtlichen Kollegen. Heute ist das Hans-Jörg Krempl, 57, seit 40 Jahren bei der Bergwacht. Seit drei Jahren ist er zusätzlich noch am Wochenende bei der Skiwacht. Das musste er daheim auch erst mal erklären. Die Bereitschaft des Tages kommt von der Bergwacht Krün, die mit den Bergwachten von Garmisch und acht weiteren Ortsstellen eine Dienstgemeinschaft bildet. Die jungen Männer kennen sich seit ihrer Kindheit. Und eigentlich hätten sie auch ohne die Bergwacht genug zu tun. Kilian Weinert, 25, ist Betriebsprüfer beim Finanzamt in München. Christoph Hefter, 32, unterrichtet am Gymnasium in Murnau Mathematik und Physik. Georg Schober, 34, prüft für den TÜV Süd weltweit Seilbahnen, und sein Bruder Martin, 30, führt mit den Eltern das Hotel der Familie in Krün.
Zum ersten Dienst der Saison treffen sie sich auf der Zugspitze, das ist Tradition. Der erste Skitag auf der Zugspitze beginnt gemächlich – trotz Neuschnee, Wind und Kälte. Lehrer Hefter sitzt am polierten Holztisch und korrigiert die Physik-Schulaufgabe seiner achten Klasse. Die Schober-Brüder Martin und Georg sind mit Ski auf Kontrollfahrt. Sie checken, ob die Akjas, die Wannenschlitten zum Transport der Verletzten, wie vorgesehen an den Bergstationen der Lifte und Seilbahnen bereitstehen. Und sie überprüfen, ob der Hubschrauberlandeplatz unterhalb des Sonnenkarlifts ausreichend fest planiert und freigeräumt ist. Sonst könnte der Helikopter nicht sicher stehen und würde die Umgebung in einen Schneesturm tauchen. Drei Tage pro Saison Skidienst, dazu weitere Dienste muss jeder Bergwachtmann leisten. In Krün kommen zehn Abende für Aus- und Fortbildung dazu. Und natürlich die Notfälle im Alltag. Wenn sie gerufen werden, dann lassen sie alles stehen und liegen. »Mein Opa war bei der Bergwacht, mein Vater auch«, erzählt Martin Schober. Die Saison im Hotel geht erst kurz vor Weihnachten los, also hat er jetzt, Mitte November, noch Zeit, seinen Dienst abzuleisten. Am Berg sei er eh gerne, »da ist das eine gute Gelegenheit, etwas zurückzugeben«.
aller Ski- und 69 Prozent aller Snowboardunfälle betreffen Männer. Übermut und zu konkurrenzorientiertes Fahren sind zwei typische Ursachen.
erreicht jeder fünfte Pistensportler kurzfristig. Ein Aufprall mit dieser Geschwindigkeit entspricht in etwa einem Sturz aus 25 Metern Höhe.
der rund 6000 Kopfverletzungen pro Saison könnten hierzulande vermieden werden. Die Allianz rät Wintersportlern, einen Skihelm zu tragen.
von zehn Unfällen könnten verhindert werden. Hauptursachen: mangelnde Fitness, zu hohe Geschwindigkeit, Selbstüberschätzung – und Alkohol. 19 Prozent der Snowboarder und 15 Prozent der Skifahrer:innen gaben an, unter Alkoholeinfluss zu fahren.
Zahlen, Statistiken und Angaben aus folgenden Quellen: ASU-Unfallanalyse, Stiftung Sicherheit im Skisport (SIS); Allianz; Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV), Österreich; Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU), Schweiz.