Allianz-Studie zeigt erstmals, wie stark Ablenkung das Unfallrisiko erhöht
- Aktuelle Allianz/cogniBIT-Studie belegt erstmals konkreten Zusammenhang
zwischen Ablenkung und Unfallrisiko in kritischen Verkehrssituationen - Ablenkung kann das Kollisionsrisiko verdreifachen
- Ablenkung ist riskanter als das Fahren mit 0,8 Promille
Ablenkung zählt zu den größten Sicherheitsrisiken im Straßenverkehr. Smartphones, Touchscreens und andere digitale Anwendungen konkurrieren zunehmend um die Aufmerksamkeit der Fahrerinnen und Fahrer. Doch wie stark steigt dadurch tatsächlich das Unfallrisiko? Dieser Frage ist das Allianz Zentrum für Technik (AZT) in einem umfassenden Forschungsprogramm nachgegangen und hat die Ergebnisse am 21. Oktober beim 14. Allianz Motor Day vorgestellt.
Die Studien zeigen: Ablenkung ist weit verbreitet, ihr Einfluss wird in der Unfallstatistik bislang deutlich unterschätzt und sie kann das Kollisionsrisiko in kritischen Situationen um ein Vielfaches erhöhen. Die Erkenntnisse unterstreichen die hohe Relevanz des Themas für die Verkehrssicherheit. Zugleich wirft die fortschreitende Digitalisierung des Fahrzeugs neue Fragen zur sicheren Interaktion von Mensch und Technik im Straßenverkehr auf.
Ablenkung in der Unfallstatistik bislang unsichtbar
„Ablenkung lässt sich nach einem Unfall deutlich schwieriger nachweisen als etwa Alkoholeinfluss. Ein kurzer Blick aufs Smartphone oder auf das Fahrzeugdisplay hinterlässt häufig keine eindeutigen Spuren. Deshalb bleibt der tatsächliche Anteil von Ablenkung am Unfallgeschehen in den offiziellen Statistiken zu einem erheblichen Teil verborgen“, sagt Christian Sahr, Leiter des Allianz Zentrums für Technik (AZT).
AZT/cogniBIT-Studie: Kognitive Modellierung macht Risiko von Ablenkung messbar
Wie aus Ablenkung ein Unfall werden kann, hat das AZT gemeinsam mit dem auf neurowissenschaftlich basierte kognitive Modellierung spezialisierten
Unternehmen cogniBIT untersucht. Das entwickelte Modell bildet nach, wie Menschen Verkehrssituationen wahrnehmen, Informationen verarbeiten und darauf reagieren.
Der besondere Ansatz der Studie: In verschiedenen kritischen Verkehrsszenarien wurde systematisch variiert, ob die Fahrer aufmerksam waren, durch eine Nebentätigkeit abgelenkt waren oder unter einem simulierten Alkoholeinfluss von 0,8 Promille standen.
Jede Situation wurde dabei tausendfach simuliert. Denn selbst unter identischen Bedingungen reagieren Menschen nicht immer gleich. Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und Reaktionsgeschwindigkeit unterliegen natürlichen Schwankungen und unterscheiden sich zudem von Person zu Person. Das Modell berücksichtigt diese Variabilität menschlichen Verhaltens und bildet so eine Bandbreite möglicher Reaktionen ab.
Die hohe Zahl der Simulationen ermöglicht es, nicht nur einzelne Unfallverläufe zu betrachten, sondern die Häufigkeit von Kollisionen unter unterschiedlichen Fahrerzuständen statistisch belastbar zu vergleichen. Da die Verkehrssituation konstant bleibt und lediglich der Fahrerzustand verändert wird, lässt sich der Einfluss von Ablenkung auf das Kollisionsrisiko erstmals präzise quantifizieren.
Genau hierin liegt ein wesentlicher Vorteil gegenüber der Analyse realer Unfälle. Nach einer Kollision lässt sich häufig nicht eindeutig rekonstruieren, ob und in welchem Ausmaß ein Fahrer unmittelbar zuvor abgelenkt war. In der Simulation kann dieser Einfluss dagegen gezielt untersucht und direkt mit dem Verhalten eines aufmerksamen Fahrers in derselben Situation verglichen werden.
„Wir wissen aus zahlreichen Untersuchungen, dass Ablenkung das Unfallrisiko erhöht. Mit unserer aktuellen AZT/cogniBIT-Studie können wir nun zusätzlich quantifizieren, wie stark sich das Kollisionsrisiko allein durch einen veränderten Fahrerzustand in derselben kritischen Verkehrssituation erhöht. Damit wird der Einfluss von Ablenkung unter kontrollierten Bedingungen erstmals messbar“, erklärt Michael Praxenthaler, Verkehrspsychologe im Allianz Zentrum für Technik (AZT) und Leiter der Studie.
Die Ergebnisse der AZT/cogniBIT-Studie zeigen einen deutlichen Effekt der Ablenkung:
- Bei einer Gefahrenbremsung des vorausfahrenden Fahrzeugs auf der Autobahn steigt der Anteil der Kollisionen durch Ablenkung von 18,2 Prozent auf 54,3 Prozent.
- Bei einem plötzlich auf die Straße laufenden Kind steigt er von 3,9 Prozent auf 11,2 Prozent.
Besonders bemerkenswert: In allen vier simulierten Szenarien war das Kollisionsrisiko bei Ablenkung höher als unter einem simulierten Alkoholeinfluss von 0,8 Promille.
In den zwei beschriebenen Szenarien steigt der Anteil der Kollisionen nahezu auf das Dreifache. Die Simulation macht damit deutlich, warum Ablenkung so gefährlich ist: Wer den Blick von der Fahrbahn abwendet, erkennt Gefahren später und verfügt über weniger aktuelle Informationen zum Verkehrsgeschehen. Dadurch verkürzen sich sowohl die verfügbare Reaktionszeit als auch der Brems- oder Ausweichweg. Bereits wenige Sekunden fehlender Aufmerksamkeit können so den entscheidenden Unterschied zwischen einer erfolgreichen Gefahrenvermeidung und einer Kollision ausmachen.
Ablenkung verursacht mindestens jeden dritten Verkehrsunfall
Diese und weitere aktuelle Studien des AZT kommen zu einem klaren Ergebnis: Ablenkung im Straßenverkehr ist deutlich weiter verbreitet, als es offizielle Unfallstatistiken vermuten lassen. Gleichzeitig zeigt sich, dass sie das Kollisionsrisiko in kritischen Situationen erheblich erhöhen kann.
„Ablenkung ist kein Randphänomen der Verkehrssicherheit. Sie zählt zu den maßgeblichen Ursachen des heutigen Unfallgeschehens und ist ein Risiko, das nur durch das Zusammenspiel von Fahrenden, Fahrzeugherstellern und Regulierungsbehörden wirksam reduziert werden kann“, sagt Sahr.
Auf Grundlage eigener Studien sowie der internationalen Forschung geht die Allianz davon aus, dass Ablenkung bei mindestens 30 Prozent aller Verkehrsunfälle eine Rolle spielt. Sie kann dabei entweder unmittelbar unfallauslösend wirken oder als mitverursachender Faktor zur Entstehung eines Unfalls beitragen.
Weitere Presseinformationen zum 14. Allianz Motor Day finden Sie auf Live | Allianz Motor Day und auf Allianz Motor Day 2026 Swipe. Tap. Crash. Ablenkung des Fahrers im digitalen Auto | Allianz
München, 21. Oktober 2026
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Allianz in Deutschland