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Unfallforschung

Werden Sie nervös, wenn Ihr Handy im Auto klingelt?

1. April 2017 – Interview: Saskia Trucks
Der Unfall­forscher Jörg Kubitzki hat unter­sucht, was uns beim Auto­fahren ab­lenkt. Ein Inter­view über Handys, Streit­gespräche und die eine fehlende Sekunde vor dem Knall

Herr Kubitzki, was lenkt uns beim Auto­fahren am meisten ab?

Wir haben für unsere aktuelle Studie verschiedene Ablenkungsquellen im Auto untersucht – von Essen und Trinken über Streiten bis hin zum Telefonieren. Dabei hat sich klar ergeben: Smartphones und Navigationsgeräte stellen das Hauptproblem dar. Jeder zweite Befragte unserer Studie hat zugegeben, sein Handy während der Fahrt auch ohne Freisprechanlage zu nutzen. Übrigens geht es dabei nicht nur um schwere Unfälle. Auch die steigende Zahl der Bagatellschäden hängt damit zusammen.

Lenkt die Technik, die fest im Auto verbaut ist, uns genauso ab?

Auf jeden Fall. Auch der Bordcomputer und alle anderen Geräte im Auto, die zur Unterhaltung oder Kommunikation dienen, sind gefährlich und führen zu mehr Unfällen. In unserer Studie haben 74 Prozent der Befragten angegeben, dass die viele Technik im Auto sie ablenkt. Fast jeder Dritte sagt das über das Bedienen des Bordmenüs.

30 Prozent der Auto­fahrer schauen laut der Studie während der Fahrt aufs Smart­phone, um zu über­prüfen, wer an­gerufen hat. Über­rascht Sie das?

Absolut nicht. Das hängt mit dem kulturellen Wandel zusammen. Vor allem junge Menschen sind heutzutage mental ständig online unterwegs. Sie stehen morgens auf, frühstücken, gehen zur Arbeit, zum Sport – alles mit dem Smartphone in der Hand. Deshalb wundert es mich nicht, dass viele das Handy auch beim Autofahren ständig im Blick haben.

Werden Sie nervös, wenn Ihr Handy im Auto klingelt?

Nein. Ich hatte mein Handy im Auto lange Zeit auf Vibration eingestellt. Weil man das aber trotzdem noch hört, ist es mittlerweile komplett lautlos. Natürlich handele ich mir dann auch mal Ärger ein, wenn ich nicht direkt auf Anrufe reagiere, aber so werde ich nicht abgelenkt.

Viel Technik im Cockpit bedeutet auch viel Ablenkung: Nicht nur Smartphones, auch die Bordelektronik im Auto kann den Fahrer gefährlich von seiner eigentlichen Aufgabe – der Reaktion auf den Verkehr um ihn herum – abhalten. Foto: istockphoto/Chombosan

Wie kann man die Menschen entgegen ihrer Gewohn­heit davon über­zeugen, ihr Handy während der Fahrt nicht zu be­nutzen?

Stellen Sie sich vor, Sie sagen einem unter starkem Druck stehenden Lieferanten, er soll an den Rand fahren, um ein Telefongespräch anzunehmen. Das ist fast unmöglich. Genauso ist es bei Privatfahrern – bevor man eine Möglichkeit sucht, an den Rand zu fahren, guckt man während der Fahrt kurz aufs Handy. Autofahrer davon zu überzeugen, das Smartphone freiwillig nicht zu benutzen, ist schwierig. Aber es gibt verschiedene andere Lösungsansätze.

Zum Beispiel?

Es muss vor allem stärkere Maßnahmen auf Rechtsebene geben. Die Überarbeitung des Handy-Paragrafen in Deutschland ist der richtige Schritt. Bald werden Handy-Verstöße am Steuer mit höheren Bußgeldern belegt und Fahrverbote häufiger möglich.

Was ist das Problem am aktuellen Handy-Para­grafen?

Der Zwang, das Handy im Auto wegzulegen, ist nicht stark genug, weil die Konsequenzen nicht drastisch genug sind. Außerdem heißt es heute in der deutschen Straßenverkehrs- ordnung, dass man das Handy bei ausgeschaltetem Motor benutzen darf. Nun gibt es aber die Start-Stop-Automatik, die dazu führt, dass Autofahrer das Smartphone an der roten Ampel nutzen können. Aber auch dort ist Ablenkung gefährlich. Deshalb muss der alte Handy-Paragraf auch an diese neuen Realitäten angepasst werden. Das geschieht jetzt wohl auch.

Was passiert denn, wenn ich eine Sekunde meinen Blick von der Straße ab­wende und aufs Smart­phone gucke?

Das ist das Problem: In über 90 Prozent der Fälle passiert nichts. Rein gar nichts. Ein Unfall ist immer eine Verkettung von vielen Ereignissen. Bis es einmal so richtig knallt, muss sehr viel passieren. Genau das lernt der Autofahrer, also denkt er: “Ich kann das tun, die Verkehrslage gibt das her, mir passiert nichts.” Und dann kracht’s doch, denn beim Autofahren kann jede Sekunde, in der man abgelenkt ist, zu einem Unfall führen.

Helfen dagegen nicht neue Techniken im Auto?

Durchaus. Deshalb fordern wir eine Verpflichtung zu Notbremssystemen in Pkw. Das kann helfen, die fehlende Sekunde am Ende der ganzen Unfallkette wenigstens ein Stück weit aufzufangen. Auch Spurhalteassistenten und Abstandsassistenten sind Einrichtungen, die helfen.

Mit einer Frei­sprech­anlage sind bereits viele Autos aus­gestattet. Bringt das etwas?

Auf jeden Fall. Das Problem wird damit reduziert, weil man das Smartphone nicht in die Hand nimmt. Aber wir wissen mittlerweile: Auch das Sprechen an sich ist mit einer höheren Unfallgefahr verbunden.

Das würde ja bedeuten, dass man während der Fahrt auch nicht mit dem Bei­fahrer sprechen sollte.

Ja, genau. Ein Ergebnis unserer Studie hat gezeigt, dass Streit im Auto in hohem Zusammenhang mit der Unfallrate steht. Und mehr noch: Selbst wenn der Beifahrer nicht spricht, sondern nur sein Smartphone nutzt und im Internet etwas sucht, ist man als Fahrer unbewusst auch abgelenkt. Aus der Sicht eines Unfallforschers müsste man das Handy aus dem Auto verbannen. Eigentlich müsste man dann auch manche Beifahrer im Fahrzeug verbieten. Das ist natürlich Unfug. Aber Autofahrern deutlich zu machen, dass auch Beifahrer die Verkehrssicherheit beeinflussen, ist wichtig. Wie sagt man? Einsicht ist der erste Weg zu Besserung.

 
Über den Interviewpartner
Jörg Kubitzki studierte Psychologie in Bonn und ist seit nun bald 30 Jahren auf dem Gebiet der Straßenverkehrssicherheit tätig. Seit 2003 vertritt er den Bereich Verhalten der Verkehrsteilnehmer im Allianz Zentrum für Technik. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Unfallstatistik, Mensch-Maschine-Interaktion und Fragen der Fahreignung. Gemeinsam mit den Instituten Mensch-Verkehr-Umwelt und Makam Research hat er die Gefahren von Ablenkung am Steuer untersucht.
 

Bildquellen:

Werden Sie nervös, wenn Ihr Handy im Auto klingelt?: istockphoto/Martinan

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