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Ein Tag an der Zugspitze 

Gefahren im Skisport: Nur noch weiß vor Augen

15. Januar 2020 – Text: Ole Zimmer
Glitzernder Schnee und der Spaß am Sport scheinen den menschlichen Sinn für Gefahr zu trüben. Die ­Retter der Bergwacht erleben das an der Zug­spitze täglich. Sie wissen, dass der höchste Berg Deutschlands kein Freizeitpark ist. Eine Reportage auf schmalem Grat – zwischen Winterglück und Absturz

Der erste Kunde des Tages landet um zehn Uhr auf der Liege. Der kleine Junge ist blass, in der Seilbahn ist ihm schlecht geworden. Jetzt liegt er bei der Bergwacht auf 2600 Meter Höhe und übergibt sich. »Das passiert manchmal«, sagt Hans-Jörg Krempl und zuckt mit den Schultern. Die Höhe, vor allem aber der schnelle Aufstieg mache vielen zu schaffen. Nur rund zehn Minuten braucht die neue Seilbahn für die knapp 2000 Höhenmeter vom Eibsee auf die 2943 Meter hohe Bergstation an der Zugspitze. Für manche ist das zu schnell.

Für die Familie aus der Nähe von München ist der Tag auf Deutschlands höchstem Berg vorbei, bevor er richtig begonnen hat. Denn wer hier oben Probleme bekommt, der müsse schnell runter, erklärt Krempl, dann sei meist alles wieder gut. Damit bei der Talfahrt nichts passiert, besorgt er in der Küche des Restaurants nebenan noch einen leeren Senf­eimer und gibt ihn dem bleichen Burschen. Für alle Fälle.

44.000 Skifahrer
in Deutschland verletzen sich pro Saison im Durchschnitt. Rund 40 Unfälle enden tödlich Jeder zweite Tote war über 50 Jahre alt

Zahlen, Statistiken und Angaben aus folgenden Quellen: ASU-Unfallanalyse, Stiftung Sicherheit im Skisport (SIS); Allianz; Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV), Österreich; Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU), Schweiz

Warten auf den Einsatz: Hans-Jörg Krempl, Georg Schober und Christoph Hefter (v. li.) in der Stube der Bergwacht auf dem Zugspitzplatt. Foto: Oliver Fiegel
Am Gletscher ist es heute eher ruhig. Wenn auch nicht ungefährlich. Der Wind weht kräftig über dem Zugspitzplatt, in Böen auch stürmisch. »93 km/h« stehen in den Aufzeichnungen des Wetterdienstes, die acht Grad unter null fühlen sich dramatisch kälter an. Frühmorgens hat es noch mal kräftig geschneit; zu spät, um die Abfahrten rechtzeitig zu präparieren. Neben den Pisten glänzt der frische Schnee. Doch für Tiefschneeabenteuer fehlt die Unterlage. »Wer heute abseits fährt, riskiert viel«, sagt Kilian Weinert von der Bergwacht Krün. Zu dicht liegen Steine und Felsen unter der Schnee­decke. Trotzdem flechten die ersten Skifahrer ihre Spuren in den vermeintlich tiefen Schnee. Ein Glücksspiel. Die Zentrale der Bergwacht auf der Zugspitze sind zwei kleine Räume im Gebäude des Gletscherrestaurants »Sonnalpin«. Auf dem Weg zu den Toiletten und zur Bergstation der Zahnradbahn ist eine unscheinbare Tür. Dahinter: ein kleiner Behandlungsraum mit einer Liege. Im Flur ein Skiraum, von dem aus man in die gute Stube kommt: robuste Auslegeware, eine gemütliche Eckbank mit einem Wirtshaustisch. Die fünf von der Bergwacht können sich nicht alle gleichzeitig im Raum bewegen, dafür ist er zu klein.
68 Prozent
der Unfälle passieren am Nachmittag ab zwölf Uhr. Kraft und Aufmerksamkeit lassen nach. Der Biorhythmus des Menschen befindet sich im frühen Nachmittagstief, was die Unfallgefahr generell erhöht
Über dem kleinen Schreibtisch steht auf einem Bord das wuchtige Funkgerät, daneben an der Wand Einsatzpläne, Telefonlisten, detaillierte Karten des Gebiets rund um die Zugspitze. Und neben der Tür ein Bett, das heute als Garderobe herhalten muss. Das Beste hier oben ist der Blick. Das Fenster geht nach Westen, vorbei an der Kapelle Mariä Heimsuchung schaut man auf den Schneeferner mit den vier Gletscherabfahrten.
49 Prozent
der Unfälle auf deutschen Pisten enden mit Knochenbrüchen, rund sieben Prozent mit Kopfverletzungen
Allzeit bereit: In einer Garage direkt an der Piste lagern drei Bergungsschlitten, auch Akjas genannt. Foto: Oliver Fiegel
Die Bergwachtstation an der Zugspitze ist jeden Tag in der Wintersaison besetzt. Unter der Woche versehen zwei hauptamtliche Mitglieder der Skiwacht hier ihren Dienst. Das sind ausgebildete Bergwachtmänner und -frauen, die von der Stiftung Sicherheit im Skisport bezahlt werden. Am Wochenende und an Feiertagen übernehmen die ehrenamtlichen Bergretter, unterstützt von einem hauptamtlichen Kollegen. Heute ist das Hans-Jörg Krempl, 57, seit 40 Jahren bei der Bergwacht. Seit drei Jahren ist er zusätzlich noch am Wochenende bei der Skiwacht. Das muss man daheim auch erst mal erklären. Die Bereitschaft des Tages kommt von der Bergwacht Krün, die mit den Bergwachten von Garmisch und acht weiteren Ortsstellen eine Dienstgemeinschaft bildet. Die jungen Männer kennen sich seit ihrer Kindheit. Und eigentlich hätten sie auch ohne die Bergwacht genug zu tun. Kilian Weinert, 25, ist Betriebsprüfer beim Finanzamt in München. Christoph Hefter, 32, unterrichtet am Gymnasium in Murnau Mathematik und Physik. Georg Schober, 34, prüft für den TÜV Süd weltweit Seilbahnen, und sein Bruder Martin, 30, führt mit den Eltern das Hotel der Familie in Krün.
Zum ersten Dienst der Saison treffen sie sich auf der Zugspitze, das ist Tradition. Der erste Skitag auf der Zugspitze beginnt gemächlich – trotz Neuschnee, Wind und Kälte. Lehrer Hefter sitzt am polierten Holztisch und korrigiert die Physik-Schulaufgabe seiner achten Klasse. Die Schober-Brüder Martin und Georg sind mit Ski auf Kontrollfahrt. Sie checken, ob die Akjas, die Wannenschlitten zum Transport der Verletzten, wie vorgesehen an den Bergstationen der Lifte und Seilbahnen bereitstehen. Und sie überprüfen, ob der Hubschrauberlandeplatz unterhalb des Sonnenkarlifts ausreichend fest planiert und freigeräumt ist. Sonst könnte der Helikopter nicht sicher stehen und würde die Umgebung in einen Schneesturm tauchen. Drei Tage pro Saison Skidienst, dazu weitere Dienste muss jeder Bergwachtmann leisten. In Krün kommen zehn Abende für Aus- und Fortbildung dazu. Und natürlich die Notfälle im Alltag. Wenn sie gerufen werden, dann lassen sie alles stehen und liegen. »Mein Opa war bei der Bergwacht, mein Vater auch«, erzählt Martin Schober. Die Saison im Hotel geht erst kurz vor Weihnachten los, also hat er jetzt, Mitte November, noch Zeit, seinen Dienst abzuleisten. Am Berg sei er eh gerne, »da ist das eine gute Gelegenheit, etwas zurückzugeben«.
59 Prozent
aller Ski- und 69 Prozent aller Snowboardunfälle betreffen Männer. Übermut und zu konkurrenzorientiertes Fahren sind zwei typische Ursachen
Ausgelassenheit an der Talstation Sonnenkar. Auch von diesen Skiläufern wird wieder der ein oder andere die Piste gen Tiefschnee verlassen. Extrem gefährlich, weil die Schneedecke noch nicht ausreicht. Foto: Oliver Fiegel
Das Dienstgebiet der 54 Bergwachtmänner und -frauen aus Krün umfasst das Soiern-Gebiet, den östlichen Teil des Estergebirges, die Umgebung von Krün und Wallgau und im Winter die Loipen im Oberen Isartal und die Skirettung von Garmisch-Partenkirchen. Die Ausbildung dauert mindestens zwei Jahre, oft aber deutlich länger. Je nachdem, wie oft ein Anwärter Zeit für all die Kurse und Übungen hat. »Die Bergwacht ist ein Ehrenamt, das viel verlangt«, sagt Hans-Jörg Krempl. Allein für die Sanitätsausbildung sind es 90 Stunden. Und am Berg müssen die Kandidaten schon vorher topfit sein, um durch die Eingangsprüfung zu kommen.
80 km/h
erreicht jeder fünfte Pistensportler kurzfristig. Ein Aufprall mit dieser Geschwindigkeit entspricht in etwa einem Sturz aus 25 Metern Höhe
Alles im Blick: Rund um die Zugspitze ist die Bergwacht für 20 Pistenkilometer und vier Rodelbahnen zuständig. Foto: Oliver Fiegel
Im Winter etwa braucht es sehr gute Skifahrer, um den Akja sicher den Berg hinunterzubringen. Der Bergeschlitten wiegt mit Patient schnell mal 120 Kilo, ein Sturz der Retter könnte schlimm enden. Andererseits funktioniert alles wortlos, wenn die Teams eingespielt sind. »Die gute Ausbildung gibt Sicherheit«, sagt Kilian Weinert. Denn gerade rund um Garmisch-Partenkirchen gibt es immer wieder schwierige Einsätze – vor allem im Sommer. »Den Jubiläumsgrat hat nicht jeder im Kreuz«, sagt Martin Schober, »viele Bergsteiger überschätzen ihre Fähigkeiten.« Immer wieder rücken sie aus, um verletzte, dehydrierte, unterkühlte oder verirrte Bergsteiger zu bergen. Im Skigebiet dauert es vom Alarm bis zum Unfall zwischen 10 und 15 Minuten. Im Sommer können es am Berg auch vier bis fünf Stunden werden. Je nachdem, wo das Opfer liegt und ob es gleich gefunden wird. »Die Leute wissen ja heute oft gar nicht mehr, wo sie eigentlich sind«, sagt Hans-Jörg Krempl, »wir haben oft nur grobe Angaben und müssen dann suchen.« Insgesamt kommt die Dienstgemeinschaft auf rund 800 Einsätze im Jahr. In ganz Bayern rückt die Bergwacht etwa 12.000-mal aus. »Wenn das Knie kaputt ist, dann ist es kaputt«, sagt Christoph Hefter, »wir wissen meist, wo wir suchen müssen. Sobald der Patient gefunden ist, transportieren wir ihn ab.« Rund 580 Euro kostet ein normaler Einsatz auf der Skipiste.
80 Prozent
der rund 6000 Kopfverletzungen pro Saison könnten hierzu­lande vermieden werden. Die Allianz rät Wintersportlern, einen Skihelm zu tragen
Touristen in Jeans oder Hobbyrennläufer – am Restaurant »Sonnalpin« trifft man sich auf Deutschlands höchstem Berg. Foto: Oliver Fiegel
Nach Lawinenabgängen oder für aufwendige Suchaktionen werden 1125 Euro fällig. Denn das Material, die Ausbildung, der Fuhrpark haben ihren Preis. Ein Hubschrauber kostet dazu noch einmal 60 bis 120 Euro dazu. Pro Flugminute. Bei einer Rettung, etwa bei einem Herzinfarkt, zahlt die Krankenkasse. Bei einer Bergung, wenn sich Wanderer verlaufen, erschöpft sind oder nicht mehr weiterkommen, erhalten sie hinterher die Rechnung. Gut, wenn man dann eine dummy private Unfallversicherung hat oder Mitglied im Alpenverein ist. Denn der übernimmt Bergungskosten bis zu 25.000 Euro. Keinen Cent bekommen die Bergwachtler. Obwohl sie nicht selten viel riskieren. Je nachdem wie der Wetterbericht aussieht oder wie voll es auf der Zugspitze ist. »Du weißt nie, was auf dich zukommt«, sagt Krempl. »Manchmal haben wir tagelang nichts, dann sind wir in zwei Stunden fünf Mal im Einsatz.« Abenteuerlustige Touristen, die ohne Winterkleidung unterwegs sind, Stürze oder Schwächeanfälle. Gegen halb vier gehen die Krüner heute auf Schlussstreife. Sie fahren die Pisten des Skigebietes ab, damit niemand am Berg vergessen wird. Nach mehr als zwölf Stunden, die sie dann unterwegs waren, geht es mit der letzten Seilbahn nach unten und von dort nach Hause. Falls sie auf dem Heimweg nicht noch einkehren und auf den unfallfreien Tag anstoßen.
9
von zehn Unfällen könnten verhindert werden. Hauptursachen: mangelnde Fitness, zu hohe Geschwindigkeit, Selbstüberschätzung – und Alkohol. 19 Prozent der Snowboarder und 15 Prozent der Skifahrer ­gaben an, unter Alkoholeinfluss zu fahren
Die Bayerische Zugspitzbahn Bergbahn AG hat ihre Hi-Tech-Geräte größtenteils bei der Allianz versichert. Hier drei Beispiele:     

Zahlen, Statistiken und Angaben aus folgenden Quellen: ASU-Unfallanalyse, Stiftung Sicherheit im Skisport (SIS); Allianz; Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV), Österreich; Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU), Schweiz

Bildquellen

skisport-allianz-risiko: Oliver Fiegel

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