Szene: Die Aufnahme ist zu Anfang verschwommen. Dann erkennt man, dass ein Mann mit einem Instrument auf dem Rücken eine Treppe in einem Gebäude hinaufgeht. Danach wird kurz eingeblendet, wie ein Streich-Instrument gespielt und gestimmt wird. Anschließend sieht man wie der Mann einen Musiksaal betritt. Der Mann spielt mit seinem Cello und er erzählt, was er dabei fühlt. Jan Vogler: Für mich beginnt Cello-Spielen damit, dass man sich hineinwirft und dass man wirklich alles das, was man hat, gibt in dem Moment. Also nicht unbedingt das Bedürfnis, ein Risiko einzugehen, sondern die Notwendigkeit. Ich bin auch ein bisschen abergläubisch und glaube, dass diese unreflektierte, etwas, sagen wir mal, jungenhafte Art, an ein Risiko heranzugehen, besser ist als die, es zu analysieren für sich. Natürlich sollte man nicht völlig dumm auf ein Risiko zugehen. Natürlich weiß man, dass man, wenn man vor einem bestimmten Publikum sitzt, eben das Risiko eingeht, dass nicht alles so läuft, wie man sich das vorstellt. Es gibt natürlich zahlreiche rein rationale Risiken, die ich gar nicht aufzählen möchte. Szene: Die Aufnahmen wechseln zwischen Interview-Szenen mit Jan Vogler und Szenen, in denen er sein Cello auf der Bühne des Konzertsaals stimmt und spielt. Jan Vogler: Natürlich von Gedächtnis bis hin zu technischen Abläufen, bis hin zu dem, was ich persönlich am wichtigsten finde, den Draht mit dem Publikum aufzubauen. Baut sich dieser Draht auf, kann man sich völlig öffnen für das Publikum und kann das Publikum sich für mich öffnen und nicht, was geht jetzt plötzlich technisch oder was geht vielleicht in dem Moment nicht oder ist man mehr aufgeregt oder weniger aufgeregt. Das ist eigentlich das eigentliche Risiko und das kann man auch nicht voraus berechnen. Das heißt, es gibt sicher Konzerte, in denen alles perfekt läuft und sich dieser Draht nicht herstellt und dann gibt es auch Konzerte, in denen gar nichts perfekt läuft und sich der Draht hervorragend herstellt und eine CD ist im Vergleich zu dem, was die Leute immer behaupten, eigentlich das schwerste überhaupt. Denn im Studio kann man eigentlich erst mal davon ausgehen, dass das, was man nicht kann, man auch auf der CD nicht kann. Das heißt, es ist eigentlich noch schwerer, Ausdruck auf die CD zu bringen als im Live-Konzert und da könnte man natürlich auch wieder viele Risiken finden. Kann man das überhaupt perfekt spielen? Nein, man kann es nicht perfekt spielen. Wie perfekt kann man es spielen? Kann man es perfekt genug spielen, um mit sich selbst zufrieden zu sein? Nein, auch das geht nicht. Aber volles Risiko oder nichts von dem, was man sich vorstellt, kommt eben dann auch auf die Silberscheibe. Also die Silberscheibe reagiert keinesfalls sensibler, sondern eher unsensibler als ein Publikum. Sie braucht also noch mehr Kraft, noch mehr Gefühl und noch mehr Power, um überhaupt in Schwingung versetzt zu werden. Man kommt immer ein Stück näher an das Ideal ran und manchmal kommt man ziemlich nah ran. Aber das ist nicht unbedingt, weil man das Risiko so liebt, sondern es ist, weil ich der Meinung bin, die Musik braucht das Risiko. Und das fängt wirklich dann an, wenn man anfängt, Musik zu machen. Egal, wo das ist und wie viele Leute dabei sind, ob es eine Aufnahme ist oder ein Konzert. In allen Situationen muss man entscheiden, schmeißt man sich völlig rein und wie die Amerikaner sagen, stick out your neck. Das finde ich sympathischer persönlich. Oder ist man eher sehr sicherheitsbewusst und sagt, ich versuche das so abzusichern, dass ich weiß, es geht kein Detail verloren. Das sind also verschiedene Typen und das macht unglaublichen Spaß, auch gerade im Studio zu sehen, dass dieses Risiko auch im Studio nicht leicht ist. Also sich wirklich völlig zu befreien, alles loszulassen und zu versuchen, an die Grenzen der Musik oder an die Grenzen des Instruments zu kommen, um die Musik zu befreien. Szene: Jan Vogler beendet sein Stück. Auch seine Erklärung, was Musik ausmacht, endet. Danach legt er sein Cello in den Instrumentenkoffer zurück. Eingeblendeter Text: Cellist: Jan Vogler, Regie: Romeo Grünfelder, Kamera: Matthias Wittkuhn, Ton: Christoph Knorr, Producer: Anna-Lena Tisson, Maske: Melanie Schulz, Redaktion: Christian Weishuber, Making-of: Vera Schüler. Eine Produktion von Mhoch4 - Die Fernsehagentur powered by Allianz 12-reflections-on-risk.de